Ihr visioniert zuviel, wo ihr lieber arbeiten solltet

Schaffen

Zugegeben, der Spruch ist ein bisschen geklaut bzw. abgewandelt: „Deutschlands Kaufleute hoffen zuviel, wo sie lieber rechnen sollten“ wetterte in meinen jungen Jahren auf einer Veranstaltung von damals Europas größtem Bauträger, der SÜBA BAU AG, kein geringerer als Professor Dr. h. c. Lothar Späth, der ehemalige Ministerpräsident Baden Württembergs.

Heiligs Blechle die Schwaben, die wissen auch heute noch am ehesten, dass arbeiten alleine nichts wert ist, nur „schaffen“ etwas bedeutet und man Stück für Stück vorankommt, wenn man es nur tut. Schaffe, schaffe, Häusle baue… Nicht nur der Späth wusste, was er da sagte, nahezu jeder Schwabe weiß es. Und sie würden sich vermutlich alle im Grabe umdrehen, wenn sie die heutige Marketing-, Copywriter- oder Coachingszene erleben würden.

Der Wahnsinn nimmt kein Ende

Viele wollen nur noch affirmieren, visualisieren und das Ganze dann in jedem Fall hochskalieren …. und sind damit längst einen Schritt weiter, in die falsche Richtung. Die Hoffnung ist dem Wahnsinn gewichen.

Abgesehen von dem völlig überflüssigen Pleonasmus (der mich nicht nur bei diesem Wort aufregt), konzentrieren wir uns offenbar nur noch auf die hochgeistigen Prozesse, anstatt es mal mit den Steinen, dem Zement und dem Hammer zu probieren. Natürlich nur im übertragenen Sinne, denn kein Mensch wollte ja heute noch ernsthaft körperlich arbeiten, nicht wahr?! Zugegeben, die wenigen, die es tun, lachen sich mittlerweile ins Fäustchen. Denn sie sind längst begehrter als Gold und gehören zweifellos zu den Gewinnern der nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Sie können etwas, was unsere Gesellschaft offenbar verlernt hat: Ergebnisse produzieren, im Sinne von erschaffen und gestalten, außerhalb der digitalen Welt und der künstlichen Intelligenz.

Wieder zurück zu einem Stück Normalität

Wir sollten endlich aufwachen. Weg vom Traum, hin zur Wirklichkeit. Erst gestern hatte ich ein Gespräch mit einer richtig tollen Frau. Sie war Bäckerei-Fachverkäuferin, mit Herz und Seele. Die Gesundheit lässt selten zu, dass diese Damen ihren Beruf bis zur Rente ausführen können und so war es auch bei ihr. Meine Kollegen der „Coaching-Szene“ nahmen gern ihr gutes Geld für eine “Ausbildung” ab und boten dafür den üblichen Einheitsbrei, inklusive Komfortzonen- und Bewusstseinserweiterung. Nun steht sie da, spiritualisiert … und erfolglos.

Das Leben findet nämlich außerhalb dieser Bubble statt. Die Anbieter nahmen gerne in Kauf, dass sie sich verschuldete, doch kümmerten sich einen Dreck darum, wie sie morgen von dem „Coach-Titel“ leben sollte. Pfui baba… ich schäme mich manchmal für unsere Branche. Am Ende wird dann noch der Kunde beschuldigt, er hätte seine Hausaufgaben nicht gemacht, weil vieles einfach weder Hand noch Fuß hat, geschweige denn dran ist. Dabei hat die Frau eine richtig gute Grundlage, die auch noch gebraucht wird. Wirklich gebraucht wird! Denn neben der Begeisterung für ihren Beruf hat sie eine große Expertise in Sachen Personalauswahl und -führung, Organisation, Kundenbetreuung und Verkauf. Jedes mittelständische Unternehmen im Markt hat ein Mangel an gutem Personal, dass die Kundschaft zufrieden macht und sie wusste genau, wie es geht.

Es braucht keine hochtrabende Positionierung

Es brauchte keine 20 Minuten sie zu “positionieren”.  Zumindest in dem Sinne, dass sie ein marktgerechtes Angebot kreieren kann, von dem sie künftig ein ordentliches Leben bestreiten kann. Sie war völlig fassungslos, dass es so einfach war. Und ich bin immer noch fassungslos, dass kein Mensch wirklich etwas von der hochgelobten Nutzenorientierung begriffen hat. Große Worte, keine Ahnung. Scha(n)de.

Nützlich sein

Meine Mutter brachte uns Kinder schon bei nützlich zu sein. Wenn einer von den Kindern oder Enkelkindern den Weg zu sehr verließ, dann hieß es schon mal sehr liebevoll, aber in aller Deutlichkeit: “Du bist doch zu nichts nutze. Du hängst nur rum und kümmerst dich nur um dich selbst. Da hat doch keiner etwas davon, dass es dich gibt.” Vielleicht klingt Ihnen das zu hart, aber ich denke, im Gesamtkontext ihrer Erziehung war das völlig in Ordnung. Wir sollten wieder lernen zu arbeiten und anderen Menschen einen echten Nutzen zu bieten, nicht nach Theorie und Katalog, sondern in der Praxis.

Dann kann das auch noch etwas werden, mit unserer Wirtschaft.

Verantwortung übernehmen. Für sich selbst und andere.

Herzliche Grüße

Ihr Bernd Kiesewetter