In dem Moment, als sich ihr Kindheitstraum erfüllte, sank Angelique Kerber wie vom Blitz getroffen auf die Knie. Schluchzend und weinend vor Glück lag sie auf dem heiligen Rasen von Wimbledon. Als erste Deutsche seit der großen Steffi Graf vor 22 Jahren hat die Kielerin den prestigeträchtigen Grand-Slam-Klassiker in London gewonnen. Im gestrigen Finale besiegte sie US-Superstar Serena Williams und schrieb damit ein weiteres Sommermärchen für die Sportnation Deutschland. Es war eine mentale Höchstleistung, denn ihre Gegnerin ist für ihre unglaubliche Stärke bekannt und verzeiht keine Fehler.

Es ist das wichtigste Tennis-Turnier der Welt und verspricht seinen Siegern ewigen Ruhm.

„Ein Traum ist heute wahr geworden… Ich glaube, heute ist der schönste Tag in meiner Karriere. Ich wollte als kleines Kind Wimbledon gewinnen. Das kann mir niemand mehr nehmen“, sagte sie emotionsgetragen.

Und nun haben es wieder alle gewusst… Eine Heerschaar von Menschen wird ihr gratulieren und ihr beteuern, immer von ihrem Sieg überzeugt gewesen zu sein. Tatsächlich glauben diese Menschen das dann wirklich und haben all den Zweifel der letzten Jahre vergessen bzw. ausgeblendet, auch weil sie sich insgeheim eine große Siegerin an ihrer Seite gewünscht haben. Für die Sportlerin gibt das Leben nun damit eine weitere anspruchsvolle Etappe und die nächste mentale Herausforderung auf.

Angelique Kerber hat nach vielen harten Jahren, davon alleine 15 Profijahren, endlich ihr großes Ziel erreicht. Herzlichen Glückwunsch, liebe Angie!

Aber die Geschichte davor haben plötzlich alle vergessen: trotz höchstem Einsatz und dauerhaftem Engagement hatte sie lange nicht den gewünschten durchschlagenden Erfolg und war der Versuchung des Aufgebens bereits fast ergeben, als 2016 endlich ihr persönlicher Durchbruch und ihr bestes Jahr erfolgte: Brisbane International Finale, Sieg der Australien Open, Fed-Cup, Finale von Wimbledon, Silbermedaille olympische Spiele, Sieg der US Open, Finale WTA Championships waren nur die wichtigsten Erfolge, die ihr das „Silberne Lorbeerblatt“, den „Bambi“, den Titel „Deutschlands Sportlerin des Jahres“ und den zweiten Platz bei der Wahl zu „Europas Sportlerin des Jahres“ einbrachten.

Doch die Siegesserie riss in 2017 schon wieder ab und die Stimmen wurden laut, dass es eben doch nur eine „Eintagsfliege“ gewesen sei.

Können Sie sich in etwa vorstellen, wie schwierig dies für Angelique Kerber in den Jahren zuvor und danach gewesen sein muss? Können wir uns ansatzweise vorstellen, welche mentale Herausforderung dies darstellte?

Wir leben in einer extrem schnellen und harten Gesellschaft und wir vergessen zu oft die Menschlichkeit. Selbstverständlich geht es hier im Tennis wie beim Fußball, im Boxen oder in der Formel 1 um Höchstleistungen, außergewöhnlich viel Geld und Ruhm. Ja, natürlich weiß jeder Sportler bereits bei Karriereanfang um den Preis seiner Erfolge, wenn er sie denn jemals erreichen sollte und ja, in der Theorie hat es bisher auch noch jeder verstanden. Doch wir sind alle Menschen aus Fleisch und Blut und das Steuern der Gedanken und der Gefühle ist ein Prozess, der vielen niemals annähernd gelingt. Weder im Sport noch im Leben. Denken Sie an sich selbst und überlegen Sie einmal, wie Sie mit schwierigen Situationen in der Praxis umgehen und wie Sie es sich vorher in der Theorie vorgenommen hatten. Verstehen Sie, was ich meine?!

Die mentalen Herausforderungen sind heute im Sport größer denn je zuvor. Das liegt an mehreren Aspekten, einer der wichtigsten davon ist sicher die Marginalität der Steigerbarkeit der körperlichen Leistungen. Doch die psychischen Anforderungen sind nicht nur im Sport selbst, sondern auch in jedem anderen Bereich des Lebens gewachsen. Und so wie es den Athleten im Sport besonders hart trifft, so trifft es ihn auch in allen anderen Lebensbereichen. Die Folgen haben wir bereits mehrfach erleben müssen, Spitzensportler tauchten mit Depressionen ab oder entscjieden sich im schlimmsten Fall sogar für den Suizid. Der Profi von heute braucht nicht nur mehr Unterstützung durch sein Team, seine Trainer und seine Mentalcoaches, sondern auch durch uns alle – die Öffentlichkeit.

Wir sind in der Verantwortung diesen Menschen gegenüber und auch wenn die heftige Reaktion der Presse ein Preis der Karriere ist, so sollten wir dennoch nicht übertreiben und sorgsam damit umgehen. Schließlich sind sie es, die uns mit ihren Opfern und ihrem ungewissen jahrzehntelangen Einsatz glänzend unterhalten. Danke <3

 

Ihr

Bernd Kiesewetter